• Seelenklar - Talk mit Ellen Michels

    Seelenklar

    Talk mit Ellen Michels

    Ellen Michels "The Queen of Souls"

31. Sendung vom 29. März 2017

Die Verlogenheit der Mächtigen über und in Afrika (Teil 2)

29. März 2017 (Seelenklar, 31. Sendung, von Ellen Michels. Artikelbild, Wikipedia, gemeinfrei) Am 21. April 1966 landet eine Maschine der Ethiopian Airlines um 13:30 Uhr auf dem Rollfeld des Flughafens von Kingston auf Jamaika. „Dschameka“, wie die Jamaikaner ihre paradiesische Insel nennen. Eine unglaubliche Menschenmenge hat sich auf dem Rollfeld versammelt. Sie tanzen, sie jubeln, sie singen und sie halten Banner mit der Aufschrift „Zu Dir, Allmächtiger, beten wir!“. Die Ordnungskräfte müssen Bajonette einsetzen, um die Menschenmenge daran zu hindern, ihrem Messias gefährlich nahe zu kommen.

Der Mann, der für sie die Inkarnation Gottes ist, läßt sich Zeit. Dann steigt er die Treppe vom Flugzeug herab: Kaiser Haile Selassie von Äthiopien. Für die jamaikanischen Rastafaris ist das die Erfüllung eines großen Traumes. Doch, wie kommt es, daß auf der Insel vor dem amerikanischen Kontinent ein äthiopischer Kaiser als die Inkarnation Gottes verehrt wird? Und was hat das mit den Dreadlocks tragenden Rastafaris zu tun?

Das zu verstehen heißt, in die Vergangenheit und das Herz Afrikas zu blicken.

Die Kaiser auf dem äthiopischen Thron sehen sich als Nachfolger des Sohnes des berühmten, jüdischen Königs Salomon und der äthiopischen Königin Saba. Ihr gemeinsamer Sohn Menelik I war Herrscher Äthiopiens (Siehe Teil 1 des Gespräches). Die Amtssprache Äthiopiens, das Amharisch, eine semito-hamitische, mit dem Hebräischen verwandte Sprache. Die Bezeichnung der Völkerstämme und deren Sprache geht auf die Geschichte des Alten Testamentes zurück. Nachdem Noah mit seinen Söhnen die Sintflut überlebte und sich auf dem festen Land wieder ansiedelte, wurde jeder der drei Söhne Noahs -Sem, Ham und Japhet – zum Stammvater eines neuen Volkes. Daher die Bezeichnungen Semiten, Hamiten und Japhetiten:

  • Semiten: Araber, Hebräer = Israeliten = Juden sowie damals bedeutende Kulturvölker im Gebiet des heutigen Irak wie Sumerer, Assyrer, Babylonier
  • Hamiten: Die Bibel zählt die Urbevölkerung von Palästina (Kanaaniter = Phönizier, Karthager), die alten Ägypter (die, die Pyramiden bauten) und die Kuschiter (Urbevölkerung von Äthiopien) zu den Hamiten. Zu beachten ist, dass die Araber keine Hamiten, sondern Semiten sind. Sie lebten damals nur auf der arabischen Halbinsel und eroberten Nordafrika erst zwischen 640 n. Chr. (Ägypten) und 700 n. Chr. (Marokko).
  • Japhetiten: Europäer

(Quelle: http://europa.geschichte-schweiz.ch/sprachfamilien.html)

Unter seinen Kaisern der salomonischen Dynastie widersetzt sich Äthiopien (damals Abessinien) tapfer und standhaft den Eroberern aus Europa. Als einziges Land in Afrika wird es nie zu einer Kolonie. Auch Haile Selassies Vater kämpft Ende des 19. Jahrhunderts erfolgreich gegen Kolonialarmeen. Unter seiner Truppenführung werden die italienischen Invasionstruppen geschlagen. Äthiopien bewahrte seine Souveränität und Freiheit. Zu dieser Zeit wird im Jahr 1892 Haile Selassie unter dem Namen Tafari Makonnen geboren. Ein neuer Thronfolger der alten, äthiopischen Kaiserdynastie. Tafari übernimmt 1916 – als Kronprinz – die Amtsgeschäfte. Er erhält den ehrenhaften, fürstlichen Titel „Ras“.

Ras Tafari regiert nun ein Volk von 15 Millionen Menschen. Es ist eine landwirtschaftlich ausgerichtete Volkswirtschaft. Die meisten Äthiopier sind Kaffeebauern und nur einer von 20 Äthiopiern kann lesen und schreiben. Ras Tafari reist 1924 nach Europa. Dort wird er mit allen Ehren eines Regierungschefs empfangen. Doch der Respekt der Europäer ist nicht ohne Hintergedanken: Großbritannien will in Äthiopien einen Staudamm bauen. Die Italiener haben ihren Kolonialmachtstraum Abessinien noch nicht ausgeträumt.

selassie-pamphlet Zu der Zeit. etwa 12.000 Kilometer weiter westlich, verfolgt Marcus Garvey, ein junger, schwarzer Jamaikaner gespannt die Nachrichten aus dem fernen Europa. Garvey ist ein politisch radikaler Autor und Journalist. Er hat den Rassismus als Kind kennengelernt, und ist begeistert, daß die arroganten, weißen Europäer einen schwarzen Staatschef mit allen Ehren empfangen, als wäre er ihresgleichen. Endlich geschieht das, was er sich gewünscht hat. Schon seit Jahren fordert er von den Schwarzen eine Rückbesinnung auf ihre Heimat:das stolze, freie Afrika. Nicht das kolonialisierte, versklavte, unterworfene Afrika. „Wenn in Afrika ein schwarzer König gekrönt wird, ist der Tag der Befreiung nah.“ propagiert Garvey – und nun sieht er mit Haile Selassie einen geehrten, schwarzen, zukünftigen Kaiser. Man muß dazu sagen, daß das biblische Zitat „Tag der Befreiung“ sich auf den Propheten Jeremia bezieht, der verkündete, am „Tag der Befreiung“ werde Gott kommen und alle Fesseln zerreißen, alle Ketten lösen und alle Geknechteten zurückführen in ihr Heimatland. Die Jamaikaner verstanden das sehr wohl, und betrachteten das als eine Weissagung für eine freie Rückkehr in ihre Heimat Afrika.

Im Jahr 1930 wird Ras Tafari zum neuen Kaiser gekrönt. Erst jetzt trägt er den Namen „Haile Selassie“ (Macht der Dreifaltigkeit) und die Bezeichnung „König der Könige“ und „siegreicher Löwe von Juda“. Nach der prachtvollen Krönungsfeier entstehen auf Jamaika erste Gemeinden die sich „Rastafaris“ nennen. Sie glauben an Gott, Christus und Haile Selassie. Um mit Gott besser sprechen zu können, rauchen sie Cannabis. Äthiopien ist für sie das Zentrum eines göttlichen Königreiches, ein „neues Jerusalem“. Haile Selassie wird mit Gottes Macht eine schwarze Nation, einen ganzen Kontinent in ein Zeitalter der Souveränität und Würde führen.

Fast 50 Jahre regiert Haile Selassie und modernisiert sein Land. Stromleitungen, Schulen und Krankenhäuser werden gebaut, Er gibt Äthiopien eine Verfassung. Doch dem Volk geht es nicht so gut, wie es sich das erhoffte, und die Not drückt nach wie vor grausam: Die Landarbeiter in Äthiopien müssenweiterhin Abgaben zahlen. Bildung und Ausbildung im Volk verbessern sich nur schleppend. Schreckliche Bilder einer Hungerkatastrophe in Nordäthiopien 1973 gehen um die Welt. Zehntausende sterben. Das ist die Gelegenheit für Aufrührer und Revolutionäre. 1974 stürzt ihn das eigene Militär. Die Putschisten führen den entthronten „König der Könige“ in einem VW Käfer ab. Ein Jahr später ist er tot: mit einem Kissen erstickt. Seine Gebeine verscharrt man unter einer Toilette des Palastes. Es folgt eine sozialistischen Diktatur. Äthiopien wird noch viel ärmer und hungriger, die Bevölkerungszahlen explodieren.  Erst im November 2000, wird Haile Selassie, der siegreiche Löwe von Juda, angemessen begraben. 

Der Traum vom freien, selbstbewußten Afrika ist für seine Söhne und Töchter ausgeträumt. Die Europäer beuten den Kontinent weiter ungeniert aus und hofieren diktatorische, sozialistische Schreckensherrscher wie Mengistu genauso, wie einen Kaiser Haile Selassie. Es geht nur um wirtschaftliche Vorteile und Ausbeutung. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Egal, wie Warlords, Diktatoren, und korrupte Politiker in den Ländern Afrikas hausen – wenn die Kasse stimmt, gibt sich die Westliche Wertegemeinschaft dort die Klinke in die Hand.

In Afrika sind nach Angaben des UNHCR 4,4 Millionen Menschen auf der Flucht vor Bürgerkriegen, Verfolgung und ökologischen Katastrophen. „Was wird sein, wenn sich tatsächlich Millionen von Afrikanern, getrieben von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, entschließen, sich auf den Weg zu machen und ihrem Kontinent den Rücken zu kehren? Was wird passieren, wenn sie alle vor den Toren Europas stehen? Wie will Europa sie stoppen? Werden sie sich von Mauern und Stacheldraht, durch Polizisten und Soldaten abschrecken lassen?“ fragt Asfa-Wossen Asserate, der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie.  Dabei sieht er durchaus die beiden Seiten der Medaille:  Ja, der europäische Kolonialismus hat Afrikas Reichtum ausgebeutet, seine Kulturen zerstört. Aber nein, die koloniale Vergangenheit ist keine Rechtfertigung dafür, daß die meisten Staaten Afrikas bis heute korrupte Eliten und weder demokratische Institutionen noch produktive Wirtschaften haben. Prinz Asserate bietet in diesen beiden Gesprächen über Afrika einen guten Überblick über den Zustand eines hochkomplexen Kontinents, auf dem 1,2 Milliarden Menschen leben. Europa hätte zehn Mal Platz auf diesem Kontinent, auf dem es 54 Staaten gibt und etwa tausende Ethnien und Sprachen. 

Die Familiengeschichte Prinz Asserates, der, wie oben beschrieben, mit der Geschichte des Kontinents verwoben ist, verleiht seinen Aussagen Gewicht. Er zeigt auf, wie fast alle Führer von Befreiungsbewegungen aller Art, selbst zu Diktatoren geworden sind. Und Europa trägt die Mitverantwortung. Subventionierte EU-Agrarexporte zerstören die afrikanische Landwirtschaft. Auch zur Eindämmung der Flüchtlingskrise ­kooperieren sie wieder mit brutalen Diktatoren, wie dem Präsidenten Eritreas, von wo besonders viele Flüchtlinge kommen, obwohl mittlerweile bekannt ist, daß Menschenschmuggel zum ­einträglichen Geschäftsfeld der Diktatur geworden ist.

Der Flüchtlingsstrom in Richtung Europa wird nach Prinz Asserates Einschätzung erst dann nachlassen, wenn die Afrikaner eine wirtschaftliche Perspektive sehen und Sicherheit in ihrem Leben erhalten. Europa muß seine Hilfsgelder für Afrika an solche Bedingungen knüpfen. „Europa wird ein wenig von seinem Wohlstand abgeben müssen. Niemand muß davor Angst haben, im Gegenteil.“ Wenn Afrikaner und Europäer die Dinge gemeinsam und beherzt angehen, prophezeit Asserate, werde die Entwicklung für alle bereichernd sein: kulturell, menschlich und ökonomisch. „Fangen wir endlich damit an, es ist höchste Zeit.“

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